Preloader image Fräulein mit Brille

Von der Vergänglichkeit

Herbst ist es geworden, ganz schnell, ganz plötzlich. Über Nacht. Der Baum gegenüber in Nachbars Garten hat schon braune und gelbe und rote Blätter, und nicht mal wenige. Richtig viele richtig bunte Herbstblätter.

Herbst. Ein Wort, das auf der Zunge und im Mund ganz viel Platz braucht. Erst ist es ein Hauchen, eins, das man braucht, um kalte Hände anzuwärmen. Dann wird es mehr und größer, es reift, es wird zum knackigen Obst, zur prallen Birne, zum dicken saftigen Apfel, Herbst, dieses Wort ist wie eine große Gabel warmer Apfelkuchen. Was macht der Herbst mit euch? Von vielen habe ich Jammern gelesen, schade, die viel zu kurze viel zu wenig heiße Zeit sei vorbei, schon ist es so dunkel und so kühl. Sonnenbrille in den Schrank. Sommer ist vorbei. Es ist Herbst. (Um Brillen geht’s nachher auch noch, keine Sorge.) Was heißt das nun?

Mir bringt der Herbst:

  • Melancholie
  • Herzwärme
  • Wehmut
  • Nebelliebe
  • Leuchtkraft
  • Bücher
  • Teetasse
  • Flüstern
  • Kuscheldecke
  • Blätterduft
  • Laubhaufenhüpfen
  • Gummistiefel
  • Mummelschal

und Suppe und noch vieles mehr und: Er bringt den Blick nach innen.

Andy Wolf Brille und Dahlien – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Andy Wolf Brille von oben mit Dahlien – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Andy Wolf Brille vor Dahlien – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit

Ich probier’s mal mit Gemütlichkeit

Der Sommer ist vergangen, habe ich da oben geschrieben. Vergangen, vergänglich, Vergänglichkeit. Klingt so … endlich. Endgültig. Eingetütet. Wisst ihr, ich habe das Gefühl, es gibt ausschließlich Menschen, die EINE Jahreszeit mögen. Und die dann ganz besonders. Es gibt die Schnee-und-Ski-Menschen, die Sommer-heißer-als-heiß-Menschen, die Frühling-Schmetterlinge-Juchzer-Menschen und die Herbst-gemütlich-dicke-Socken-und-Tee-Menschen (wahlweise auch mit Kaffee und oder Kakao). Und es gibt mich. Ich bin die, die alle vier mag. Richtig gern mag. Am liebsten so, dass jede Jahreszeit mir so richtig zeigt, was sie kann.

Im Winter: die Badewanne! Und das da oben, das mit den dicken Socken und den heißen Getränken. Mit Buch und Decke nach Herzenslust drin bleiben, mit roten Wangen und roter Nase und Atemwolken draußen herumstapfen. In Laubhaufen hopsen. Oder in Pfützen!

Im Frühling: dieses Grün! Die Knospen überall! Die Natur explodiert, und mein Herz direkt mit. Blumen blühen, Rasen grünt, man möchte lauthals Hach rufen, und Hach, HACH.

Im Sommer: die Sonne! Kurze Sachen tragen, Vitamin D aufsaugen, abends lange draußen sitzen, vergessen, dass sich die Fenster schließen lassen, Melone essen bis der Bauch gluckst. Herrlich.

Im Herbst: der Nebel! Diese Stimmung, diese Farben, diese Ruhe und gleichzeitig diese sich noch mal aufbäumende Lebenslust. Die Äpfel, die Birnen, die Kürbisse, die Suppen, überhaupt das wieder deftigere, schwerere Essen, die Lust zu kochen. Die Musik, die sich zurückzieht, leiser wird. Die Klamotten, die dicker werden und gemütlicher, und sprechen wir dabei am besten gleich über die Gemütlichkeit von Kapuzen, in denen man sich verkriechen kann. Kriege ich euch, mit der Gemütlichkeit?

Ich probier’s einfach, denn fast beinahe so gut wie nichts geht über die Gemütlichkeit einer Kuscheldecke mit Buch, nach dem Spazierengehen übers Nebelfeld. (Ja doch, um Brillen geht’s wirklich auch noch. Gleich.)

Andy Wolf Brille im Dahlienstrauß – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Dahlien – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit

Eintopf der Unendlichkeiten

Herbst ist alles auf einmal. Es ist Leben und Sterben, es ist bunt und grau, es ist draußen und drinnen. Herbst ist intensiv, und genau dafür liebe ich ihn abgöttisch. Diese Zeit ist wie ein riesengroßer Topf auf dem Herd, nein nein, kein Induktionsherd, kein Superhightechtopf. Der alte angekratzte, der den wir niemals hergeben würden, vielleicht von Oma, auf jeden Fall schwer. Der kommt auf den Herd, und na gut, wenn ihr so modern ausgerüstet seid, dann von mir aus auch aufs Induktionsfeld, oder Ceranfeld, oder auf die Gasplatte. Rauf damit, nur rauf, Zwiebeln hinein und Karotten, Kürbis und Kartoffeln, Lauch und mit was der Marktstand aufwarten kann.

Eintopf der Möglichkeiten, unendliche Vielfalt. Herbst ist nämlich eben doch nicht endlich, endgültig, eingetütet. Eintüten tun wir nur die Kartoffeln, die Neue-Ernte-Äpfel, Rubinette, endlich, und die anderen Herbstfrüchte. Nüsse. Maronen. Vergangen ist die Zeit der Sommerbeeren und Leichtigkeit, der Melonensalate und der kalten Küche. Gut so, fein so, Herbst mach hungrig. Kochlöffel her, kräftig umgerührt.

Und jetzt zu den Brillen

Allen, die Geduld bewiesen haben: Bravo. Denn jetzt dreht sich endlich alles um die Brille. Brillenfräuleins Herbstbetrachtung, durch zwei Gläser. Vergangenes und Frischgeerntetes, bunt und grau, draußen Luft schnappen, drinnen zu Atem kommen. Wohl keine Jahreszeit nimmt die zwei Gläser, die beiden entgegengesetzten Perspektiven wörtlicher als der Herbst. Und das heißt für alle mit Sehhilfengestell auf der Nase: Obacht geben.

Vera Wang Brille und Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Vera Wang Brille vor Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Vera Wang Brille von oben mit Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit

Septemberstolperer für Brillenträger und wie ihr heil in (und durch) den Herbst kommt

Um halb acht wird es dunkel. Hatten wir Mitte Juni noch fast 16 helle Stunden, so sind es jetzt grade mal noch zwölfeinhalb, und das Mitte September. Ende September werden wir schon gut unter zwölf Stunden sein. Und deshalb gibt es meine Tipps für bzw. gegen die Septemberstolperer, weil wir den Herbst einfach noch nicht gewohnt sind. Die gelten auch noch im Oktober und November und im Winter, aber jetzt ist die Zeit, in der wir uns erst mal wieder umgewöhnen müssen.

Septemberstolperer: Kälte

Vor allem Sportbrillen sind anfällig, aber auch die normale Sehhilfe findet den Wärme-Kälte-Wechsel nicht so super. Soll heißen: Aus dem Kühlen rein ins Warme, schon sind sie beschlagen, die Brillengläser. Schlechte Sicht voraus, oft nicht schön, manchmal peinlich.

Brillenfräuleins Überbrückungstipp: Kurz an der Tür warten und die „Zwischentemperatur“ für freie Scheiben nutzen, oder das Mikrofasertuch zücken, aber bitte mit Vorsicht und am besten mit Wasser. Warum? Darum.

Andy Wolf Brille und weiße Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Andy Wolf Brille vor weißer Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit

Septemberstolperer: Rutschen

Wer Auto oder Fahrrad fährt, kennt das, weiß das und beherzigt das (hoffentlich): Nasses Laub und Bremsen vertragen sich nicht. Tempo raus, Gang runter, Fingerspitzengefühl bitte. Ihr meint, Fußgänger sind nicht oder nicht so sehr gefährdet? Von wegen. Zum einen kann auch per Pedes so manche Wegstelle ziemlich seifig daherkommen, und dem Untergrund sieht man nun mal nicht an, wie rutschig er tatsächlich ist. Zum anderen meine ich das im übertragenen Sinn. Denn es beginnt wieder die Zeit, in der Blick und Nase öfter nach unten auf den Boden gerichtet sind. Versteckte Stolperfallen auf der Straße? Unsichtbare Untiefen in Pfützen? Oder vielleicht sogar der erste Bodenfrost und Raureif? Wenn jetzt die Brille nicht sicher sitzt, macht’s plumps. Entweder, weil die Brille vom Kopf in den Matsch fällt, oder weil ihr euch sogar womöglich selbst unfreiwillig zu Boden begebt.

Brillenfräuleins Sicherheitshinweis: Beim nächsten Einkaufsbummel kurz zum Optiker eures Vertrauens abbiegen und Bügel sowie ggf. Nasenpads kurz einstellen lassen. Dauert wirklich nur einen Moment, bringt aber enorme Erleichterung.

Vera Wang Brille und weinrote Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit Vera Wang Brille vor unscharfer Dahlie – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit

Septemberstolperer: Licht

Es blendet beim Autofahren, es ist mal zu viel, mal zu wenig und es ist anstrengend – das Licht im Herbst. Vor allem ist es wunderschön, ja, aber als Brillenträger hat die Septembersonne so ihre Tücken. Denn viel zu schnell wird es dunkel, wer noch sommergewohnt mit Sonnenbrille unterwegs ist, sollte entweder schleunigst nach Hause kommen oder immer auch die Korrektionsbrille dabei haben. Also die ohne getönte Gläser, mit der richtigen Stärke. Und wer mit dem Putzen nicht so sehr vertraut ist, der lese zunächst dies hier.

Brillenfräuleins Bitte: Achtet darauf, regelmäßiger zu Wasser, Spüli und Mikrofasertuch zu greifen. Denn wenn die Sicht bei tief stehender Sonne sowieso schon beeinträchtigt ist, sollte sie das nicht auch noch wegen schmutziger Brillengläser sein. Denn das mit der Vergänglichkeit, das wollen wir nicht allzu wörtlich nehmen. Weder bei euch selbst noch bei eurer Brille.

Andy Wolf Brille und zwei Dahlien – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit verblühte Dahlien – das Brillenfräulein über Vergänglichkeit

Kommt nun alle gut und sicher und möglichst stolperfrei in den Herbst, mummelt euch ein, genießt die Stimmung und seid gewiss: Der Winter kommt, und nach ihm ein neuer Frühling. Hach.

Mehr lesen über Herbsthürden könnt ihr hier. Das Ganze gab’s übrigens auch gedruckt in „Meine Augen“, beigelegt im Spiegel. Ich freue mich sehr darüber und sende an dieser Stelle ein dickes Danke an Mediaplanet, die das möglich gemacht haben.

Comments (2)

  1. Mein Herbst ist so ganz anders als Deiner.

    Mein Herbst ist rausgehen und Atmen und Luft (nicht drückend sondern frisch) kriegen. Und den Wind oder Sturm spüren und sich treiben lassen und den klaren Regen auf der Haut und im Haar fühlen, die Augen schließen und sein.

    Oder die Herbstsonne, tiefstehend, im Gesicht oder im Nacken spüren. Immernoch warm, immer noch im T-Shirt draußen, in der Stadt, im Wald, am Wasser.

    Überhaupt – am Wasser. Wenn der Wind (nicht das, was da im Sommer so lau vor sich hin wabert) das Meer ans Ufer, aufs Ufer zwingt, wenn das Wasser sich einem entgegenwirft, unwirsch, hungrig, gierig, wenn die Luft nach Salz riecht, wenn die Parkplätze am Fluß überflutet und der Strand nur mehr halb so breit ist, wie noch vor einer Woche. Wenn der Wind die Nordsee von der Mündung in die Stadt spült und auch auswärtige lernen, dass Schirme nur für Regen in weniger windigen Gegenden geeignet sind.

    Wenn im überdachten Stadion der Regen von vorne kommt.

    Ich hab gar nichts gegen den Sommer und Wärme und Sonne und Licht und Leben. Aber irgendwann ist auch mal gut. Und dann ist Herbst wie nach Hause kommen. Wie in frischbezogenen Betten lümmeln und die Kühle des Bezugs und Wärme der Decke gleichzeitig genießen.

    (Und Regen auf der Brille. Aber das muss dann eben so.)

    Ach, Herbst.

    • Aber das ist doch überhaupt gar nicht anders als meiner. Das meine ich ja damit, er ist draußen und drin, er ist Sturm und Drang, frischbezogenes Bett zum Reinhüpfen und Rausstrecken. Genau das, alles gleichzeitig. Und wie schön formuliert, „Herbst ist nach Hause kommen“. Ja.

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